gestern Abend, den 03.08.2018, fanden sich, bei Sonnenschein und tropischen Temperaturen, ein Großmeister und 12 mutige Herausforderer, sowie ein paar Kiebitze, im Mehlfeld’s zum Simultan ein. Es war die erste Simultan-Veranstaltung in der Vereinshistorie von MSA Zugzwang 82 e. V. und vielleicht war es der Beginn einer neuen Tradition.

Das Simultan begann pünktlich um 19:30 Uhr mit der Begrüßung der Teilnehmer durch den 1. Spielleiter des Vereins und einer kleinen Regelkunde durch GM Bromberger. Jeder Herausforderer dürfte die schwarzen Figuren führen und musste umgehend ziehen, wenn der Großmeister an das Brett trat. Es dürfte jedoch, in Absprache des Herausforderers mit dem Großmeister, eine Runde ausgesetzt werden, wenn die Stellung schwierig war.

 

Nachfolgend ein paar Einschätzungen von Uli zu den Partien.

Am ersten Brett konnte Stefan einen Traum-Katalanen zelebrieren, der nach einem Verzweiflungsopfer für zwei Zentralbauern, nicht die erhoffte Erleichterung brachte. 1–0

Am zweiten Brett wurde die Eröffnung etwas „experimentierfreudig“ behandelt. Das hatte zur Folge, dass der Nachziehende permanent an Unterentwicklung litt, und auch verschiedene Versuche durch Bauernraubzüge Verwirrung zu stiften, half am Ende nicht. 1–0

Am dritten Brett wurde die erste von zwei Philidor-Verteidigungen gespielt. Ganz im Stil von Jörg Hickl. Lange Zeit gab es einen interessanten Kampf. Zwischendurch hatte Schwarz vier Bauern für eine Figur, aber die Aktivität der weißen Figuren gab am Ende knapp den Ausschlag. 1–0

Am vierten Brett wurde meine geliebte Winawer-Variante in der Französischen Verteidigung gespielt. Sogar mit kurzer Rochade – hat da jemand ein bestimmtes nicht näher zu nennendes Buch gelesen? Allerdings hat Stefan hier keinen Spaß zugelassen, sondern mit starken Angriffszügen gefolgt von einem Läuferopfer auf g6 den schwarzen Monarchen zu Tode gehetzt. 1–0

Am fünften Brett versuchte der Nachziehende eine Königsindische Verteidigung, auf die Stefan mit der wenig gespielten, aber sehr giftigen, Awerbach-Variante konterte. Schwarz konnte diese Variante wohl nicht, denn er geriet in eine sehr passive Stellung und musste lange geduldig ertragen, bis Weiß die Früchte seines Spiels einsammeln konnte. 1–0

Am sechsten Brett kam ein Taimanov-Sizilianer aufs Brett. Weiß ließ sich nicht auf die möglichen Verwicklungen in einem Englischen Angriff ein. Auch wollte er keine Theoriedebatte in der aktuellen Variante mit 7. Df3 führen. Stattdessen spielte er einen klassischen Aufbau mit kurzer Rochade. Dummerweise für Schwarz zeigte sich hier plötzlich ein schwarzes Erinnerungsloch. Nicht gut. Das Ergebnis war auch eine ziemlich einseitige Angelegenheit, obwohl Schwarz alles versuchte, irgendwie Gegenspiel zu bekommen. Aber die prinzipiellen Defekte seiner Stellung ließen sich damit nicht kaschieren. 1–0

Am siebenten Brett wurde – soweit ich mich erinnere – etwas wie Cambridge-Springs gespielt. Oder etwas Ähnliches, jedenfalls ein Halbslawe. Stefan erhielt bald das bessere Spiel. Wenn ich mich nicht irre, hätte er im Mittelspiel schnell gewinnen können, zog es jedoch vor, eine bei gleichem Material sehr dominante Stellung einzunehmen, bei der sich Schwarz praktisch nicht mehr rühren konnte. Sein Turm war auf a8 aus dem Spiel, der Läufer auf c8 durch den Turm des Weißen dominiert und der weiße Springer auf d4 lähmte den Rest der Stellung (schwarze Bauern a7, b7, d5, e6, weißer Bauer auf e5 und Springer d4: Französisch-Spieler wissen wovon ich spreche). 1–0

Am achten Brett kam die zweite Philidor-Verteidigung zum Einsatz. Allerdings unterlief dem Nachziehenden ein folgenschwerer Eröffnungsfehler (auf e5 steht ein ungedeckter Bauer und nach weißem Dh5 hängt dieser und es droht Matt auf f7: Thema Doppelangriff), der zu sofortigem Bauerngewinn führte. Den Rest erledigte Stefan brutal und erbarmungslos. 1–0:

Am neunten Brett erfüllte sich das Highlight des Abends – zumindest aus Sicht der Underdogs. Schwarz spielte das komplizierte und schwierige Triangel-System (Damengambit mit den Bauern c6–d5–e6), was meist dazu genutzt wird, den c-Bauern einzuheimsen und anschließend mit b7–b5 zu verteidigen. Anfänglich dachte ich, dass Stefan ganz gut aus der Eröffnung gekommen ist, aber im Mittelspiel hat er etwas den Faden verloren und eine taktische Feinheit seines Gegners übersehen. Dieser eroberte nicht nur die Qualität, sondern setzte kräftig nach und ließ dem Simultanspieler keine Chance mehr. 0–1 

 

 

Am zehnten Brett habe ich nicht viel von der Eröffnung mitbekommen, auch weil es räumlich weiter weg war. Optisch schien es lange, als ob Schwarz mithalten könnte. Immer wenn ich dachte, o.k. jetzt ist’s vorbei, hat Schwarz noch eine taktische Rettung gefunden. Der Kulminationspunkt war dann diese Stellung (bin mir aber nicht ganz sicher, ob sie 100-prozentig stimmt, also bitte entschuldigen, falls etwas falsch ist – das Motiv der Gewinnführung ist aber sehr lehrreich):

{[#]} 1. Bc6+ (wahrscheinlich ist 1. Lxa6 besser: d5 2. Bb5+ Kd8 3. Rad1 Nxe1 4. Rxd5+ Kc8 5. Rxe5 Bf6 6. Rxe1 Bxc3 7. Re4) 1... Kf8? Erst hier greift Schwarz fehl! (1... Kd8 2. Bd5 Kd7 3. Bxf7) 2. b5! (2. a5!?) 2... a5 3. Reb1 Nxa1 4. b6 Bd8 5. b7 etc.pp. 1–0

Am elften Brett unterlief Schwarz in der Eröffnung einen Fehler, der gleich einen Bauern kostete. Danach habe ich leider länger nicht mehr zugeschaut, weil ich dachte, dass es bald aus ist. Aber Schwarz hat noch lange Widerstand geleistet und gut gekämpft, aber am Ende musste er sich der Technik unseres Großmeisters beugen. 1–0

Am zwölften Brett lief die längste Partie des Abends – ich dachte schon, dass sie wegen zu großer Dunkelheit abgebrochen werden müsste … Schwarz spielte die Eröffnung etwas blauäugig. Das dachte sich wohl auch Stefan, der genau die „Kombination“ spielte, die ich gesehen hatte, welche einen Bauern gewinnen sollte. Oha! Das geht ja gar nicht. Tja, die Kiebitze machen die schlimmsten Fehler. Stefan hat die Falle aber rechtzeitig durchschaut und normal weitergespielt. Dadurch konnte Schwarz aber seine Stellung bequem gestalten. In der Folge gelang es Stefan nicht den Nachziehenden zu größeren Fehlern zu überreden und das Ergebnis war ein sehr schönes Unentschieden für Schwarz. ½–½

 

Gegen 22:30 Uhr fand, durch den Friedensschluss von Kadir und GM Bromberger, das Simultan sein würdiges Ende. Im Anschluss wurden Manfred für seinen Sieg und Kadir für sein Remis mit einer Flasche Wein geehrt. Manfred übergab seine Flasche Wein an GM Stefan Bromberger, da er selbst kein Weintrinker ist.

 

Zu guter Letzt noch meinen Dank an das Mehlfeld’s für die sehr kostengünstige Bereitstellung eines Teils des Biergartens, die Teilnehmer und alle Kiebitze, die diesen Abend unvergesslich werden ließen, auch wenn ein Kiebitz recht lautstark seine Lebensweisheiten kommunizierte.

   
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