Liebe Schachfreunde,

der Mannschaftskampf gegen den USV Halle verlief erfolgreich für Zugzwang – und es trug sich hierbei sogar ein Wunder zu, aber davon ist erst später zu berichten. Also der Reihe nach: am Ende einer etwas mühevollen Reise im ICE von München nach Halle mit Umsteigen in Nürnberg, kamen wir am Samstag Abend gegen 20:15 am Bahnhof an, und begaben uns sodann fußläufig in das über 100 Jahre alte und wunderschöne Hotel Dormero. Nach einer kurzen Erholungspause begaben wir uns in der Altstadt auf die Suche nach  einem netten Lokal, und wurden auch alsbald fündig.

In lockerer Runde plauderten wir über dies und das, und bei dieser Gelegenheit erfuhr der Käptn zu seinem größten Erstaunen von Markus, dass das Fürstenfeldbrucker Schnellschachturnier, das eine Woche vorher stattfand, eine gigantische Besetzung aufwies – nämlich 5 Großmeister, 7 Internationale Meister und etwa ein dutzend FIDE-Meister. Hinzuzufügen wäre noch, dass GM Hecht vom ausrichtenden Verein nur auf dem 21. Platz landete...  Die sagenhafte Tabelle ist veröffentlicht unter http://ffbopen.bplaced.net/page_id=15. Nun ja, wie auch immer, ich erholte mich nach einer geruhsamen Nacht von den quälenden Gedanken, die mich befallen hatten, nämlich dass der Ort Fürstenfeldbruck fürwahr zum Schachmekka geworden war, und die Prozession an diesen modernen Wallfahrtsort ohne den GM Hertneck stattgefunden hatte.

Als wir pünktlich um 20 vor 10 Uhr im Spiellokal angekommen waren, erfuhren wir sogleich, dass unser Gegner nach alter Schafkopftradition „ohne 3“ anzutreten drohten, weil drei auswärtige Spieler gerade eine Rutschpartie zwischen Dresden und Halle absolvierten. Jedoch wurde mir alsbald bedeutet, dass man doch lieber einen Wenz „mit 3“ spielen würde, und daher um eine Verschiebung des Spielbeginns ersuchte. Damit war der etwas absurde Fall eingetreten, dass die Gastmannschaft trotz ungünstiger Witterungsverhältnisse komplett angetreten war, während der Ausrichter nur zu fünft am Brett erschienen war. Nach kurzer Diskussion einigten wir uns darauf, den Spielbeginn um eine Viertelstunde zu verschieben, um unserem Gastgeber entgegen zu kommen. Und tatsächlich weitere 15 später die fehlenden Spieler ein, sodass wir gegen 10 Uhr 30 doch noch komplett waren.

Von Anfang an verliefen zwei Partien sehr erfolgreich für uns: Erasmus Gerigk ließ einmal mehr seine Klasse aufblitzen, und zerlegte seinen Gegner in einem geschlossenen Sizilianer mit sehr kreativem Spiel. Dies war allerdings kein Wunder, denn der Käptn hatte ihn ja bereits auf der Zugfahrt zur Freude der Mitfahrer in einem Sofortzugmatch intensiv trainiert. Auch meine Partie gegen Miroslav Schwarz verlief endlich einmal in dieser Saison nach Wunsch:

Diag1

Weiß hat offensichtlich bereits großen Vorteil, es ist aber doch überraschend, wie schnell die Partie entschieden wird: 23.Da5! Natürlich viel stärker als 23.Sa5 Td7, wonach das weiße Spiel am Damenflügel nicht so recht weiterkommt. 23... Sbd7?! 24.Lc7! Erst hier bemerkte mein Gegner, was er angerichtet hatte – auf der Diagonale h2-b8 ist der weiße Läufer tödlich – es droht zum Beispiel Lg3 nebst Da6 und Sa5. Es war aber doch gut, dass es so gekommen war, denn an dieser Stelle lernte unser Freund Bernie (Gerstner) wieder einmal etwas fürs Leben – nämlich dass das schwarze Qualitätsopfer 24...Txc7 praktisch erzwungen war, wie ich ihm nach der Partie verdeutlichte – der Läufer würde sonst zu stark. Es war sozusagen der einzige Rettungsversuch für Schwarz (in doppeltem Sinn). Der kleine Nachteil von dem Qualle-Opfer war nur, dass nach wenigen Zügen die schwarze Aufgabe erfolgte. 25.Dxc7 Se8 26.Db7 f5 27.Sa5 Tf6 28.Da8 Kf7 29.Tb7 Sf8 30.Tb6 f4 31.Sxc6 1–0 Keinen Zug zu spät, denn zwischenzeitlich zeigt Houdini zwischen plus 6 und plus 10 für Weiß an...

Somit lagen wir zwei zu null in Führung, doch leider musste sich Felix in einem Nimzo-Inder an Brett 8 alsbald strecken, und auch Markus war gegen Videki in die ungarische Theoriemaschine geraten, der er schließlich erlag. Überhaupt läuft es bei Markus in den letzten Einsätzen nicht mehr so gut, aber es kann ja nur besser werden.

Mit besonderer Spannung verfolgte der Käptn jedoch die Geschehnisse am Spitzenbrett mit der Spitzenpaarung Kindermann gegen GM Graf:

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In dieser scharfen Stellung und beiderseitiger Zeitnot war ich mir nicht ganz sicher, ob Weiß besser zu Dxd5+ oder Dxf2 greifen sollte, denn Schwarz scheint in beiden Fällen gut dabei wegzukommen. Doch Stefan hatte weiter gerechnet, und lenkte in ein studienartiges Endspiel über: 1.Dxf2! Sxf2 2.Sxe8 Sxd1 3.Sd6! Sxc3 Scheinbar steht Schwarz besser, aber....

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4.Sxb7! Sa6! Oder 4...S3xa4 5.Sxc5 Sxc5 6.Sxc6 und Weiß hat den entfernten Freibauern. Und die Replik Sxb7 verbietet sich offensichtlich wegen a6, wonach der a-Bauer zur Dame läuft. 5.Sxc6 Kf7 6.Sd6+ Ke6 7.Sb5 Sxa4 8.Kf2 Sb2 9.Ke3 Sc4+ 10.Kd4 h5 11.h4 Kf5  mit späterem Remis, da nicht mehr genügend Bauern auf dem Brett sind. ½–½

Stefan Bromberger hatte sich zuvor in einem leicht besseren Turmendspiel ins Remis gefügt, und besonders freute sich der Käptn, als Falk mit sicherem Spiel den vollen Punkt einfuhr, und Zugzwang um einen Punkt in Vorsprung brachte. Damit war jedoch das Schlussdrama vorprogrammiert. Unser Bernie musste nämlich gegen den 74-jährigen Altgroßmeister Malich gewinnen oder zumindest Remis spielen, um den Gesamtsieg zu sichern. Den Käptn befiel an dieser Stelle eine unerklärliche Nervosität, zumal auch noch Zeitnot im Spiel war.

Diag4

Dann jedoch, ziemlich genau nach 4,5 Stunden Spielzeit und einem hochspannenden taktischen Finale gab Burkhard Malich auf........ und trug damit zum vielzitierten Wunder von Halle bei, von dem nachfolgende Generationen noch andächtig am Lagerfeuer erzählen werden: unser Bernie hatte an diesem Tag seinen Großmeisterkomplex überwunden, und in einer wirklich ansprechenden und bis zum Schluss stark gespielten Partie den GM bezwungen. Noch schöner aber war, dass wir mit 5 zu 3 Punkten den Mannschaftssieg gesichert hatten.

Wie steht es nun in der Tabelle? Wir befinden uns nun auf einem ganz soliden Mittelplatz, während es hinten für 4 Mannschaften sehr eng wird (mindestens drei Teams steigen ab), während Dresden an der Spitze einsam seine Kreise zieht.

http://www.schachbund.de/SchachBL/bedh.php?liga=2blo

Trotz allem muss nach diesem erfolgreichen aber zeitraubenden Auswärtskampf die Frage erlaubt sein, ob wir uns den Stress außerbayrischer Wettkämpfe auch nächste Saison noch antun möchten, aber dies wird die Mannschaft separat diskutieren, wenn es so weit ist.

G. Hertneck

   
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